Heute in der FAZ

Was Charlie Chaplin mit Biathlon gemeinsam hat. Hommage an das Ehepaar Eames. Wie Mops Rudolph zum Wohlbefinden unserer Gäste beiträgt. Hier lesen Sie von einem, der Auszug, den Wintersport zu lernen. Stefan Nink in der FAZ über 5 Tage in Oberstdorf . . .

Alles so schön rutschig hier

Schnee war unserem Autor immer suspekt. Bis wir ihn ins Allgäu schickten
07.03.2017, von Stefan Nink

Unser Autor kann nicht Skifahren, kennt Snowboardspins nur von der Playstation, und zum letzten Mal auf einem Schlitten saß er an jenem Wochenende, an dem Rosi Mittermaier in Innsbruck ihr zweites Gold holte (das war im Februar 1976).

Tag 1: Rudolph und das grüne Leuchten

Die Brauen nach oben gezogen, die Stirn ein einziger Faltenwurf, den Blick voll Empathie: So können einen nur Möpse anschauen. Der Rudolph sitzt in meinem Hotelzimmer und ist golden lackiert. Bei der Ankunft hab’ ich ihn für eines dieser Design-Accessoires gehalten, das die Leute vom Hotel irgendwo unterbringen mussten, aber schon bald wusste ich: Die haben den absichtlich in meinem Zimmer plaziert, direkt neben dem Eames Chair. Damit er mir Trost spendet und Mut macht. Mit seiner buddhistischen Gelassenheit. Der Fähigkeit, zuhören zu können und selbst zu schweigen. Und natürlich mit seinem Blick, der signalisiert: Wenn jemand auf Gottes weiter Welt dich versteht - dann bin ich das. Am liebsten hätte ich den Rudolph am Ende mitgenommen. Als meinen Mentalcoach.

Aber jetzt sind wir ja noch ganz am Anfang. Und im Oberstdorfer Langlaufstadion. Es dunkelt schon, die Tannen auf den Berghängen sehen aus wie schraffierte Bleistiftzeichnungen, und hinten am Waldrand könnte man jetzt ein Rudel Rehe beobachten, aber für Naturromantik ist keine Zeit: Wir sollen uns nämlich an Charlie Chaplin erinnern. Meint der Martin, unser Biathlontrainer. Ja, doch: Bi-ath-lon. Die Leute von Oberstdorf Tourismus haben mir ein Programm zusammengestellt, mit allen möglichen Wintersportarten - nur nicht Alpinskifahren. Es beginnt am Ankunftsabend mit Biathlon. Ich hielt das für ein Missverständnis von wegen: keinerlei Skierfahrung, keine Bundeswehr, kein Jagdschein. Die haben aber nur gemeint, sie hätten an einen Schnupperkurs Skispringen gedacht. Und dass ich das mit dem Biathlon schon hinbekommen würde.

Der Martin ist da eher skeptisch, glaube ich. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die anderen in der Übungsgruppe offenbar alles erfahrene Langläufer sind. Sie tragen hautenge Hosen und flachbauchbetonende Shirts, während ich in meiner aufgebauschten Regenhose und der dicken Daunenjacke phänotypisch eher an einen ferngesteuerten Teletubbie erinnere. Wo ich doch den Charlie Chaplin machen soll! „Watschelgang“, ruft der Martin, was natürlich sehr simpel klingt, mit zwei Skiern an den Füßen aber nicht ist. „Abstoßen! Gleiten!“, ruft der Martin, und alles um mich herum stößt sich ab und gleitet davon in die Nacht, und der Martin kommt zu mir und hilft mir beim Aufstehen.

In den nächsten 17 Minuten soll ich außer Abstoßen und Gleiten noch Stockeinsatz, Dreipunktberührung und Streckhaltung lernen, während ich versuche, beim Vor-mich-hin-Stapfen irgendwie das Gleichgewicht zu halten. Und dann kommt auch noch der Teil mit dem Gewehr. Aus Sicherheitsgründen schießen wir nicht mit Kugeln; die Waffen funktionieren über Laser. Ich lasse mich am ersten Schießstand außen rechts fallen, wobei mir wegen der Skier die Außenbänder an beiden Knien reißen, also fast jedenfalls. Der Martin verschiebt meine Beine, bis es nicht mehr ganz so weh tut. „Atem halten“, ruft er. „Kimme! Korn!“, und ich halte den Atem und ziele und schieße, klackklackklack, und eine halbe Minute später leuchten die fünf grünen Lämpchen auch schon, und der Martin erleidet eine Art Schock. Er hilft mir auf die Beine; zwei Minuten später stehe ich neben ihm. „Wahnsinn“, sagt er, „absoluter Wahnsinn!“ Er schüttelt den Kopf, wahrscheinlich wird ihn das jetzt die ganze Nacht über beschäftigen. Er sieht mich mit einer Art Was-soll-ich-dir-noch-erklären?-Blick an. Halt, eine Kleinigkeit hat er doch noch: Bitte die Stöcke durch die Schlaufen greifen. Dann könne ich die Griffe beim Schwungholen hinten loslassen und so noch viel, viel schneller werden. Er klopft mir auf den Rücken, und ich schwanke und wackele hinaus auf die Runde. Als ich zehn Meter entfernt das nächste Mal hingefallen bin, höre ich, wie ein Techniker dem Martin zuruft, dass der Schießstand außen rechts defekt sei: „Die Trefferlampen leuchten, sobald man abdrückt. Egal, wohin man zielt.“

Tag 2: In die Wildnis!

Der Martin am nächsten Morgen heißt Gerhard, leitet „Schneeschuhwandern für Anfänger“ und ist erst einmal entsetzt: „Wie kann man denn so die Stöcke halten? Sofort die Hände aus den Schlaufen! Höchste Verletzungsgefahr!“ Natürlich bin ich da irritiert, wo ich doch gerade gestern Abend erst gelernt habe, dass . . ., aber der Gerhard unterbricht mich: „Wenn dich eine Lawine erwischt und die Stöcke bleiben an den Händen hängen, reißt dir die Hebelwirkung beide Schultergelenke raus!“ Um Himmels willen! Das möchte ich auf gar keinen Fall, also: weder das mit der Lawine noch das mit den Schultergelenken. Schon gut, meint der Gerhard, es sei sowieso kein Lawinenwetter. Ich nehme die Hände trotzdem aus den Schlaufen. Man weiß ja nie.

Das Tolle beim Schneeschuhwandern ist: Es funktioniert sofort. Man schnallt sich die Schneeschuhe an und läuft los. Krallen unter den Schuhen sorgen dafür, dass man immer festen Halt hat, egal, wohin man tritt. Und weil man auch im Tiefschnee nicht einsinkt, kann man quer durch die Landschaft laufen. Stundenlang hinterlassen wir unsere Spuren auf großen, weißen, einsamen Flächen. Wie still es hier draußen ist! Und wie nah doch die Wildnis sein kann! Kein Haus steht in der Einsamkeit der weißen Schneefelder, kein Weg führt hier hinaus, man kommt sich vor, als entdecke man ein bisher verborgenes Stück Deutschland. Ich erzähle das dem Gerhard, der mich darauf ganz komisch anschaut. Na ja, sagt er, dass hier draußen kein Haus stehe - das liege vor allem daran, dass wir seit Stunden über den Golfplatz von Oberstdorf wandern würden. Da würde eben nicht so viel gebaut.

Tag 3: Life on the fast lane

Heute morgen hat die Hotelchefin mir erklärt, dass sie den Rudolph beinahe überhaupt nicht ins Zimmer gelassen hätten, als sie das Hotel kürzlich umgebaut haben. Ästhetische Bedenken hätten sie gehabt. Ich sage ihr, dass ich das absolut nicht nachvollziehen könne und dass ich froh sei, wenn mich der Rudolph abends begrüße. Dann wünschen mir alle wieder Glück. Das machen sie jeden Morgen an der Rezeption, offenbar sind sie etwas besorgt über mein Crash-Test-Dummy-Programm. Dabei müssen sie sich gerade überhaupt keine Sorgen machen: Heute ist eine Art Regenerationstag, mehr als eine Gondelfahrt hinauf aufs Nebelhorn ist nicht vorgesehen. Von der Zusatzoption im Programm wissen sie nichts: „Ab der Station Seealpe besteht die Möglichkeit, zurück nach Oberstdorf zu rodeln.“

Leider muss ich feststellen, dass die Schlitten von heute mit den Schlitten von früher ungefähr genauso viel Ähnlichkeit haben wie ein iPhone 7 mit dem legendären Wählscheibentelefon FeTAp 611-2a Ocker aus den Siebzigern. Auf der Rodelbahn nehme ich auf einem Etwas aus Plastik in Warnorange Platz und klammere mich an den Stab, der zwischen meinen Beinen aufragt und der dem Zipfelbob seinen Namen gegeben hat. Da möchte man gar nicht weiter drüber nachdenken. Wozu sowieso keine Zeit ist, weil ich vier Sekunden später bereits eine gefühlte Geschwindigkeit von 43 Kilometer pro Stunde erreicht habe. So einen Zipfelbob lenkt man durch Gewichtsverlagerung; gebremst wird mit den Hacken. Oder, indem man ganz fest am Zipfel zieht und dadurch das Heck nach unten drückt. Was meine Schussfahrt leider nur sehr unwesentlich verlangsamt. Und dann gibt es auch noch kleine Hubbel, über die man fliegt, und irgendwann steht da ein „Extrem steil!“Warnschild, das unerfahrenen Rodlern den sofortigen Abstieg empfiehlt, aber das wäre ja noch schöner. Am Ende der Bahn muss ich dann derart bremsen, dass ein Schwall Eismatsch von meinen Füßen anhebt und mich von oben bis unten eindeckt. Zum Glück springen die Fußgänger schnell genug zur Seite. Auf die hätte ich nun wirklich keine Rücksicht mehr nehmen können.

Tag 4: Es stieg ein Engel vom Olymp

Heute soll mir der Derek das Langlaufen beibringen. Der Derek stammt aus Australien, wo er früher in der Nationalmannschaft war. Dabei denkt man immer, die würden da nur surfen! Aber gut, Costa Cordalis ist auch mal bei einer Langlauf-WM für Griechenland gestartet, da passt das schon. Derek erklärt zuerst einmal, dass neunzig Prozent aller angeblichen Langläufer gar nicht langliefen, sondern mit Skiern an den Füßen spazieren gingen - und so solle ich auf gar keinen Fall einmal enden. Also üben wir. Und üben. Und üben. Gegen Mittag bin ich so weit, dass ich auch über längere Passagen in der Spur bleibe, ganz fabelhaft läuft das mit mir und dem Langlaufen. Sogar die Hügel komme ich hinauf, die flachen zumindest, bloß beim Hinunterfahren stellen sich meine Skispitzen immer wieder über Kreuz, mit den üblichen Folgen. Dafür kann ich den Refrain von „Es stieg ein Engel vom Olymp“ besser als Costa Cordalis singen. Und der Derek kennt den noch nicht einmal.

Im Hotelzimmer sieht mich der Rudolph frühnachmittags an, als wisse er Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Ich tätschele ihn und setze mich. Gepriesen sei das Ehepaar Eames für diesen Sessel, gepriesen! Plötzlich ist es dann stockdunkel, was für neun Uhr an einem Winterabend nicht wirklich erstaunlich ist. Sehr überraschend allerdings ist die Tatsache, dass ich überhaupt nicht aufstehen kann: Irgendeine unsichtbare Kraft drückt mich nach unten. Ich beschließe, einfach liegen zu bleiben. Der Rudolph schaut mich mitleidsvoll an. Seine goldene Farbe reflektiert das Licht des Mondes, der durch die Balkontür leuchtet.

Tag 5: Der Elf

Ich glaube, dass ich ernsthaft verletzt bin, vermutlich etwas am zentralen Nervensystem. Es gelingt mir nur mit Mühe, simple Befehle wie „Geh jetzt die Treppe hinauf“ aus dem Hirn an die Beine durchzustecken. Von den Ganzkörperschmerzen mal abgesehen. Dabei soll ich heute eigentlich die Wintersportgeräte der Zukunft ausprobieren. Im Funpark, oben auf der Seealpe. Ich will nicht. Ich will nur noch in meinen Eames Chair.

Und jetzt spulen wir die Uhr mal flugs 6:47 Stunden vor. Ich bin zurück, kann mich nach wie vor kaum bewegen, habe aber ein derartiges Grinsen im Gesicht, dass der Rudolph ganz misstrauisch schaut. Ich erzähle ihm schnell alles: Wie ich anfangs entsetzt war, als man mich auf ein mickriges Gerät namens Skiböckerl setzte, das offensichtlich für Zweijährige konzipiert wurde - und mit dem ich dann mehrmals unfallfrei den Hang hinunterkam, ohne an einem Baum zu zerschellen. Was mir auch auf dem Snowbike gelang, einer Art Fahrrad auf Kufen. Und als ich dann den Snowscoot entdeckte: Liebe auf den ersten Blick. Der Snowscoot ist eine Kreuzung aus BMX-Rad und Snowboard, mit dem man in eleganten Kurven auf blauen Pisten Richtung Tal wedelt. Und aus dem Teletubbie wurde ein graziler Elf, rufe ich, das hättest du sehen sollen, der Snowscoot und ich, mein lieber Rudolph - wir sind füreinander gemacht, das steht fest. Er sieht mich an, als würde ich ihm etwas verschweigen, aber das mit den spektakulären Stürzen aus dem Schlepplift muss er ja nicht wissen. Stattdessen lasse ich mich in den Sessel fallen und bestelle so ein Wundergerät. Die Lieferzeit beträgt sechs Wochen, aber das macht nix. Wenn das Paket kommt, sind es nur noch acht oder neun Monate bis zu meinem nächsten Schneewinter.

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